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Sonntag, 26. Juni 2011

Neurowissenschaft und scholastischer Hylemorphismus

Ist es nicht erstaunlich, dass angesichts der Erkenntnisse der modernen Neurowissenschaften, die eine enge Verbindung zwischen geistigen und körperlichen Tätigkeiten sichtbar gemacht haben, die scholastische Auffassung vom Verhältnis von Seele und Körper so gut wie keine Beachtung findet? Stattdessen streiten die Philosophen über die Frage, ob der cartesische Dualismus (in welcher Form auch immer, als Substanzdualismus oder als Eigenschaftsdualismus) oder der Materialismus die Erkenntnisse der Neurowissenschaften besser interpretieren. Seit Jahren steht das sogenannten „Mind-body-problem“ im Zentrum der philosophischen Forschung, doch die Lösung, die bereits bei Aristoteles zu finden ist und dann besonders in der mittelalterlichen Scholastik ausgearbeitet wurde, wird von kaum einem Philosophen ernst genommen. Bereits das „Problem“ selbst ist falsch gestellt, da es Formal- und Finalursache von vornherein von einer Problemlösung ausschließt.





Sowohl die Dualisten als auch die Materialisten teilen bei aller Verschiedenheit den gleichen mechanistischen Begriff der Materie. Mit diesem Begriff der Materie ist es für Dualisten unmöglich zu erklären, wie Mentales irgendeinen Einfluss auf Materielles haben kann. Dualisten verteidigen die Auffassung, dass Geist und Körper zwei völlig verschiedene Entitäten sind. Während Körper ausgedehnt, teilbar, raumzeitlich lokalisiert usw. sind, trifft dies alles nicht auf den Geist zu. In diesem Punkt ist ihnen zuzustimmen. Materialisten sind hingegen der Auffassung, dass alle mentalen Eigenschaften und Phänomene auf bestimmte Gehirnaktivitäten zurückführbar sind und somit nichts Selbständiges darstellen; das Einzige was existiert, ist die Materie. Diese Auffassung ist ganz offensichtlich falsch, da sie zahlreichen Phänomenen nicht gerecht wird.

Da es offensichtlich Beziehungen zwischen dem Geistigen und dem Körperlichen gibt, wie die Neurowissenschaft deutlich macht, muss nun der Dualist, aber ebenso der Materialist, erklären, wie diese Beziehungen zu erklären sind. Wie kann etwas Nichtmaterielles auf Materielles einwirken? Wirkursächlichkeit gibt es nur zwischen materiellen Körpern, nicht zwischen einem immateriellen Geist und einem materiellen Körper. Da aber nun die Dualisten mit den Materialisten die Auffassung teilen, dass es ausschließlich Wirkursachen gibt, bleiben sie eine Lösung für das „Mind-Body-Problem“ schuldig.

Der scholastische Hylemorphismus sieht die Lösung des Problems der Beziehung von Geist und Körper als eine bestimmte Art der Form-Materie Beziehung. Der Geist „informiert“ die Materie, den Körper. Beide sind auf das Engste miteinander verbunden, vergleichbar der Art und Weise, wie die Gestalt eines Tisches mit dem Holz verbunden ist, aus dem er gemacht ist. Der Geist, oder besser die Seele, ist die Formursache des Körpers. Zwischen beiden besteht somit keine Beziehung der Wirkursache, sondern eben der Formursache: die Seele informiert den Körper, sie ist die Form des Körpers.

Deshalb stellen die Ergebnisse der modernen neurowissenschaftlichen Forschung für die scholastische Philosophie überhaupt kein Problem dar, sondern lassen sich mit der Theorie des Hylemorphismus sehr gut erklären. So wie das Holz des Tisches keinen Sinn ergibt, ohne die Gestalt des Tisches, so macht es keinen Sinn für den Körper – einschließlich seiner neurophysiologischen und neurologischen Zustände, - diesen ohne seine Seele verstehen zu wollen. Die Verbindung zwischen Körper und Seele ist sogar eine notwendige, wie sich durch ein beliebiges Beispiel einer körperlichen Tätigkeit demonstrieren lässt. Der Verstand und der Wille konstituieren die Formal- und Finalursache der Tätigkeit, wobei die elektrische Entladung der Neuronen, die Stimulierung der Muskelfasern, die Beugung der Muskeln etc. die materielle und effiziente Ursache darstellen. Dass es sich dabei um eine körperliche Tätigkeit handeln zeigt sich daran, dass der Körper daran beteiligt ist und die verschiedenen körperlichen Teile zusammenwirken; dass es eine Handlung ist und nicht bloß ein einfacher Reflex, wird verständlich durch das bestimmte Ziel der Tätigkeit.

Für den Materialisten gibt es freilich nichts anderes als die körperlichen Vorgänge im Gehirn und in den Muskeln. Der Glaube, dass ein Auto auf mich zufährt, bewegt mich dazu, aus dem Weg zu gehen, oder der Glaube, dass es regnen wird, bewegt mich, den Regenschirm mitzunehmen, wenn ich auf die Straße gehe. Insofern kann der Materialist behaupten, den ganzen Vorgang durch kausale Prozesse innerhalb des Körpers zu erklären. Hier gibt es prinzipiell auch keinen wirklichen Unterschied zwischen einem Reflex und einer Handlung. Der Materialismus bringt zahlreiche, prinzipiell unlösbare Probleme mit sich, auf die ich hier nicht eingehen kann (Problem der Handlungsfreiheit, der personalen Identität). Ich verweise dazu auf das hervorragende Buch von Edward Feser: Philosophy of Mind, Oxford (Oneworld Publication), das noch in diesem Jahr auch auf deutsch erscheinen soll.

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