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Sonntag, 1. Mai 2011

Die Erkennbarkeit von Wesenheiten

Tatsächlich beruhen alle, oder fast alle Argumente gegen Wesenheiten auf der Behauptung, dass Wesenheiten, sollte es solche tatsächlich geben, nicht erkennbar sind. Selbst wenn dieses Argument zutreffen sollte, was wir bestreiten und sogleich widerlegen werden, dann wäre dieser skeptische erkenntnistheoretische Einwand kein Argument gegen die ontologische Behauptung von Wesenheiten. Es bliebe dann noch die Möglichkeit, dass es zwar Wesenheiten gibt, diese allerdings unerkennbar sind, sozusagen „verborgene Wesenheiten“, wie sie Locke auch tatsächlich annimmt. Allerdings beruht diese Skepsis in Bezug auf Wesenheiten auf empiristischen Voraussetzungen, nach denen nur das erkennbar ist, was sinnlich gegeben ist, wobei dieses sinnlich Gegebene die Sinneseindrücke selbst sind, also mentale Entitäten, denen nicht notwendigerweise eine Wirklichkeit entspricht.




Tatsächlich ist es so, dass wir überhaupt etwas nur deshalb erkennen, weil wir die Wesenheit einer Sache erkenne oder zumindest im Streben nach Erkenntnis bemüht sind, die Wesenheit zu erkennen. Nach scholastischer Auffassung werden Wesenheiten nicht intuitiv, durch ein besonderes Vermögen, eine „Wesensschau“, wie Husserl und die phänomenologische Schule meint, erfasst. Wenn wir einen uns unbekannten Gegenstand zu verstehen versuchen, dann fragen wir danach, was dieser Gegenstand ist. Was-Fragen sind aber Fragen, die nach dem Wesen einer Sache fragen. Zur Beantwortung dieser Frage untersuchen wir die verschiedenen Eigenschaften, vergleichen diese mit bereits bekannten Eigenschaften und bekannten Wesenheiten und kommen so zur Erkenntnis dessen, was der unbekannte Gegenstand ist. Dieses „Was“ ist dasjenige, was die verschiedenen Eigenschaften zu einem sinnvollen Ganzen und zu einer Einheit verbindet, das Organisationsprinzip der Teile.

Dinge sind keine Bündel von Eigenschaften, wie moderne Ontologien behaupten. Es gibt ein Organisationsprinzip der Eigenschaften, eben die Wesenheit, die als Formursache die verschiedenen Eigenschaften zu einer Einheit und Ganzheit formt.

Dass wir Wesenheiten erkennen zeigt sich in den Wesensdefinitionen oder Realdefinitionen, die durch Gattung und spezifische Differenz geformt werden, wie in den im vorherigen Beitrag genannten Beispielen, die jedem nach gewisser Überlegung einsichtig sind. Das bedeutet freilich nicht, dass wir immer und in jedem Fall die Wesenheit eines Dinges vollständig angeben können, d.i. dessen Definition. Dies ist aber auch nicht erforderlich, um eine Wesenheit zu erkennen. Er reicht oft die Erkenntnis von Teilaspekten einer Wesenheit. So wusste man bereits lange bevor man die chemische Struktur des Wassers kannte, was Wasser ist. Mit der Erkenntnis der chemischen Struktur des Wassers als H2O ist die Erkenntnis der Wesenheit des Wassers vervollständigt worden.

Es ist deshalb auch falsch zu behaupten, wie dies z.B. Karl Popper getan hat, dass die Wissenschaft keine Was-Fragen beantwortet. Im Gegenteil besteht ein ganz wesentlicher Teil der wissenschaftlichen Forschung gerade darin, zur Erkenntnis der Wesenheiten der Natur beizutragen und wissenschaftliche Forschung wird gerade oft durch die Suche nach der Erkenntnis von Wesenheiten angeregt, auch wenn die Wissenschaften oder die Wissenschaftler selbst nicht von Wesenheiten sprechen.

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