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Montag, 9. Mai 2011

Existenz und Wesenheit: Nur ein einziges Seiendes?

Im Beitrag zuvor hatte ich am Schluss darauf hingewiesen, dass eines der wichtigsten Gründe für die Leugnung der realen Verschiedenheit von Wesenheit und Existenz der moderne Zweifel an der Erkennbarkeit der Existenz (und natürlich ebenso der Wesenheit) ist. Wirklich starke Argumente gegen diese fundamentale Unterscheidung gibt es kaum. Bei Thomas von Aquin gibt es noch ein weiteres Argument gegen die Annahme, Existenz und Wesenheit könnten nicht unterschieden werden. Thomas legt dar, dass wenn Wesenheit und Existenz nicht verschieden sind, sie identisch sind. Das heißt „jede“ Wesenheit existiert. Man kann noch weiter gehen und sagen, alles was denkbar ist, existiert auch. Diese Position, die man als Aktualismus bezeichnet, wird in der modernen analytischen Philosophie tatsächlich vertreten.




Wenn nun Wesenheit und Existenz identisch sind, dann können sie dies nur in einer Entität sein, dessen Quidditas (Washeit) dessen Existenz ist, was bedeutet, dass dieses Etwas eine subsistierende Existenz selbst ist, eine Wesenheit, mit anderen Worten, die notwendigerweise existiert. Oder noch anders gesagt, Etwas, dessen Wesenheit seine Existenz ist.

Nun kann es aber nur genau ein solches Etwas geben und nicht mehrere, denn es wäre tatsächlich unmöglich, mehr als eine solche Entität zu unterscheiden. Wenn die Wesenheit eines Dinges dessen Existenz ist, wenn also Wesenheit und Existenz identisch sind, dann kann es nicht mehrere Entitäten geben, für die dies zutrifft, denn diese wären gar nicht voneinander verschieden.

Ohne die Unterscheidung von Wesenheit und Existenz gäbe es also nur ein einziges Seiendes. Tatsächlich gibt es aber mehr als ein Seiendes, z.B. mich und Sie, der oder die dies liest (ich gehe davon aus, dass irgendjemand dies liest, der nicht mit mir identisch ist). Folglich müssen Wesenheit und Existenz verschieden sein.

1 Kommentar:

  1. Wenn Wesenheit als Wesen und Sein verstanden wird und Existenz als Seiendes, so ist Seiendes identisch mit der Wesenheit.
    Wenn das Individuum dem Seienden zugedacht ist, was meiner Meinung nach legitim ist, erfüllt sich hier die Entität.
    Ich würde sagen, Seiendes ist die Summe aller einfachen Seins, während das Sein, die Ganzheit an sich ist. Das Wesen entspricht der Idee und das Sein das Werden, aller Sinne und Dinge.
    Zum Aktualismus möchte ich hinzufügen, dass auch nicht-existierendes existiert (s.dunkle Materie).

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