Freitag, 13. April 2012
Thomistische Erkenntnistheorie: Die Identitätsthese
In besonders klarer und erhellender Weise erklärt Dominik Perler in seinem Buch: Zweifel und Gewissheit. Skeptische Debatten im Mittelalter", die Theorie Thomas von Aquins über die Identität der Form des Gegenstandes mit der Form, die der Intellekt in der Erkenntnis aufnimmt. Ermacht diese These verständlich und für moderne Leser nachvollziehbar durch eine Analogie mit der Installation eines Computerprogramms auf der Festplatte.
Samstag, 17. März 2012
"Nachgeburtliche Abtreibung"
Verschiedene Presseorgane berichteten in den vergangenen Tagen über einen Beitrag im "Journal for Medical Ethics" von zwei australischen Philosophen, die in der genannten Zeitschrift unter dem Titel "After-birth abortion: why should the baby live?" sich für eine Tötung von Neugeborenen auch in den ersten Tagen oder Wochen nach der Geburt aussprachen. Für die Medien ist dieser Beitrag sicher etwas Neues, doch in philosophischen Fachzeitschriften und Büchern wird schon seit Jahrzehnten ähnliches diskutiert. Bekanntester Vertreter in dieser Richtung in der australische Philosoph Peter Singer der auch in Deutschland Anhänger hat, wenn diese auch weniger radikal als Singer sind, allerdings in den Prinzipien übereinstimmen. Genannt seien hier nur der Düsseldorfer Ethiker Dieter Birnbacher oder Norbert Hoerster aus Mainz.
Donnerstag, 1. März 2012
Thomistische Erkenntnistheorie
Die derzeit beste Gesamtdarstellung der
Erkenntnistheorie Thomas von Aquins findet sich in dem auch sonst
empfehlenswerten Buch des Schweizer Philosophen Dominik Perler, der
als Professor für theoretische Philosophie an der BerlinerHumboldt-Universität tätig ist. Perler ist kein Scholastiker, sondern Spezialist für
die frühe neuzeitliche Philosophie. Im Jahre 2006 erhielt er den
Leibniz Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft. In seiner
Habilitationsschrift "Theorien der Intentionalität im
Mittelalter" beschäftigt er sich im 1. Teil auf etwa 70 Seiten
mit der Intentionalitätstheorie, bzw. mit der Thomistischen
Erkenntnistheorie.
Sonntag, 26. Februar 2012
Sein und Sollen
In der heutigen Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung schreibt der Redakteur Lorenz Jäger in der Kolumne "Exerzitien" einen hervorragenden Beitrag über das Thema Sein und Sollen. Jäger schrieb früher fast ausschließlich diese Kolumne, doch seit einiger Zeit nur noch einmal im Monat, was der Qualität der "Exerzitien" leider sehr geschadet hat. Die anderen Autoren sind zumeist oberflächlich und langweilig. Jäger beginnt seinen Beitrag direkt mit dem Hinweis auf David Hume (1711 - 1776) der zu den schärfsten Kritikern der Zusammengehörigkeit von Sein und Sollen gehört und dessen Position in der Gegenwartphilosophie gewissermaßen zum unhinterfragten Dogma geworden ist. Lorenz Jäger führt das entsprechende Zitat von Hume an:
Samstag, 25. Februar 2012
Relationen
Relationen oder Beziehungen sind Verhältnisse zwischen zwei oder mehreren Entitäten. Zu einer Relation gehören die aufeinander bezogenen Dinge, der Grund der Beziehung und die Beziehung selbst. Subjekt der Beziehung ist dasjenige, von dem die Beziehung ausgesagt wird und dasjenige, worauf das Subjekt sich bezieht heißt Terminus (auch Ziel genannt). Eine Kritik der modernen Philosophie an der Scholastik ist, dass sie die Natur der Relationen nicht erfasst hat; eine Kritik übrigens, die auf den Nominalismus tatsächlich zutrifft, nicht jedoch auf die realistische Philosophie der Scholastik. Allerdings unterscheidet sich diese Theorie der Relationen deutlich von der moderner Philosophen wie z.B. Bertrand Russell, der Relationen als zwei oder mhrstellige Universalien analysiert hat.
Freitag, 24. Februar 2012
Das Sein ist das Ersterkannte
Nach scholastischer Auffassung ist das zu allererst Erkannte des Verstandes nicht irgendein bestimmte Gegenstand, sondern: das Sein. Praktisch alle anderen philosophischen Systeme, insbesondere der Empirismus, bestreiten dies ganz entschieden, denn der Empirist ist überzeugt, dass wir irgendwelche individuellen Sinnesdaten zuerst erfassen. Dass diese empiristische Auffassung aber mit erheblichen Problemen belastet ist, zeigt sich nicht nur in Lockes Abstraktionstheorie. Die scholastische Theorie, dass das Sein das Ersterkannte ist, hat unter anderem den großen Vorteil, dass deren Abstraktionstheorie den Aporien des Empirismus aus dem Weg geht.
Freitag, 10. Februar 2012
Definitionen
Alles was existiert hat eine Wesenheit oder Natur. Die Wesenheit oder Natur einer Sache wird in der Definition ausgedrückt. Entsprechend gilt: Alles ist definierbar. Allerdings darf dieser Satz nicht erkenntnistheoretisch verstanden werden, denn faktisch, epistemisch, ist vieles nicht oder nur unvollständig definierbar. Der Satz ist ontologisch zu verstehen in dem Sinne, dass alles, was eine Wesenheit oder Natur hat auch eine Definition hat, selbst wenn es schwierig ist, diese Definition auszudrücken. Die Frage, der ich mich in diesem Beitrag widmen möchte lautet: Was ist eine Definition?
Freitag, 3. Februar 2012
„De Anima“: Deutsche Übersetzung erschienen
Seit Jahrzehnten ist eines der wichtigsten Schriften Thomas von Aquins nicht mehr in deutscher Übersetzung zu bekommen. Zwar bereitet der Verlag Felix Meiner derzeit eine Übersetzung vor, doch wann diese erscheint ist bisher nicht bekannt. Umso erfreulicher ist es, dass der von mir schon öfter erwähnte Verlag Editiones Scholasticae nun eine ältere deutsche Übersetzung der Schrift „Über die Seele“ von Thomas neu aufgelegt hat.
Sonntag, 15. Januar 2012
Zeitlichkeit Gottes?
In der gegenwärtigen analytisch orientierten Religionsphilosophie gilt es als weitgehend sicher, dass man Gott als zeitlich denken muss. Dafür werden verschiedene Argumente angeführt, die sich zum Teil gegen die überlieferte Auffassung der Scholastik, insbesondere gegen Thomas von Aquin richten. Das wichtigste Argument für die Zeitlichkeit Gottes scheint zu sein, dass Gott in einer Beziehung zur Welt stehen muss und da die Welt selbst zeitlich ist, muss auch Gott in irgendeiner Beziehung zur Zeit stehen. Demgegenüber wird die Auffassung des Aquinaten als "phantastisch" bezeichnet, der bestreitet, dass Gott in einer Beziehung zur Welt steht. Mir scheint, dass die Argumente der analytischen Religionsphilosophie vor allem auf einem Missverständnis der Theorie von Thomas von Aquin beruhen.
Dienstag, 20. Dezember 2011
Thomas von Aquin und Weihnachten
Nullum enim est tam evidens divinae caritatis indicium quam quod Deus creator omnium factus est creatura, dominus noster factus est frater noster, filius Dei factus est filius hominis.
Ioan. III, 16: sic Deus dilexit mundum ut filium suum unigenitum daret.
Et ideo ex huius consideratione amor reaccendi debet et inflammari ad Deum.
Kein Beweis für die göttliche Liebe ist so groß, wie der, daß Gott, der Schöpfer aller Dinge, ein Geschöpf, dass unser Herr unser Bruder und dass der Sohn Gottes ein Menschenkind wurde. So Johannes III, 16: So sehr hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn dahingab.
Und deshalb folgt aus dieser Betrachtung, daß die Liebe zu Gott neu entfacht wird und entbrennt.
(Thomas von Aquin, Über das Credo)
Wir wünschen allen unseren Lesern ein gesegnetes & gnadenreiches Weihnachtsfest und alles Gute und neue Erkenntnisse im Neuen Jahr
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