Sonntag, 15. Januar 2012

Zeitlichkeit Gottes?


In der gegenwärtigen analytisch orientierten Religionsphilosophie gilt es als weitgehend sicher, dass man Gott als zeitlich denken muss. Dafür werden verschiedene Argumente angeführt, die sich zum Teil gegen die überlieferte Auffassung der Scholastik, insbesondere gegen Thomas von Aquin richten. Das wichtigste Argument für die Zeitlichkeit Gottes scheint zu sein, dass Gott in einer Beziehung zur Welt stehen muss und da die Welt selbst zeitlich ist, muss auch Gott in irgendeiner Beziehung zur Zeit stehen. Demgegenüber wird die Auffassung des Aquinaten als "phantastisch" bezeichnet, der bestreitet, dass Gott in einer Beziehung zur Welt steht. Mir scheint, dass die Argumente der analytischen Religionsphilosophie vor allem auf einem Missverständnis der Theorie von Thomas von Aquin beruhen.

Dienstag, 20. Dezember 2011

Thomas von Aquin und Weihnachten


Nullum enim est tam evidens divinae caritatis indicium quam quod Deus creator omnium factus est creatura, dominus noster factus est frater noster, filius Dei factus est filius hominis.
Ioan. III, 16: sic Deus dilexit mundum ut filium suum unigenitum daret.
Et ideo ex huius consideratione amor reaccendi debet et inflammari ad Deum.

Kein Beweis für die göttliche Liebe ist so groß, wie der, daß Gott, der Schöpfer aller Dinge, ein Geschöpf, dass unser Herr unser Bruder und dass der Sohn Gottes ein Menschenkind wurde. So Johannes III, 16: So sehr hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn dahingab.
Und deshalb folgt aus dieser Betrachtung, daß die Liebe zu Gott neu entfacht wird und entbrennt.

(Thomas von Aquin, Über das Credo)

Wir wünschen allen unseren Lesern ein gesegnetes & gnadenreiches Weihnachtsfest und alles Gute und neue Erkenntnisse im Neuen Jahr

Samstag, 10. Dezember 2011

Noch einmal: Das Universalienproblem


Schon einige Male haben wir in diesem Blog das Problem der Universalien, also allgemeiner, abstrakter Entitäten, die verschiedenen Dingen gleichzeitig zukommen können, thematisiert. Zu den Universalien gehören Wesenheiten, Eigenschaften, Relationen und Akzidenzien. Das Problem stellt sich folgendermaßen: Universalien existieren nicht als Universalien in einer vom Verstand unabhängigen Realität.  Sie existieren ausschließlich in einer Vielfalt in einzelnen Dingen. Dies ist die eine Position. Doch wenn sie nicht als Universalien in der Realität existieren, existieren sie dann ausschließlich im Verstand? Auch dies kann nicht wahr sein.

Mittwoch, 30. November 2011

Das Naturrecht und seine Feinde


In einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 30. November 2011 greift der linksliberale Jurist Stephan Rixen, seit 2010 Professor an der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bayreuth, Lehrstuhl für Öffentliches Recht I, mit Boshaftigkeit aber ohne Argumente die überlieferte Lehre vom Naturrecht an, wie sie jüngst in einem Buch des renommierten Salzburger Emeritus Wolfgang Waldstein noch einmal zusammengefasst wurde. Papst Benedikt XVI. hatte in seiner Rede im Bundestag mehrfach aus diesem Buch zitiert. Der Beitrag von Rixen für die FAZ ist an Boshaftigkeit kaum zu übertreffen, zugleich aber so gut wie frei von Argumenten.

Dienstag, 22. November 2011

Thomistischer Empirismus

Es war nicht John Locke oder irgendein anderer neuzeitlicher Philosoph der behauptete, dass alle Erkenntnisse ihren Ausgang von den fünf Sinnen nehmen. Diese These hat Thomas von Aquin auf der Grundlage der aristotelischen Philosophie vertreten und wurde dafür zu Lebzeiten heftig angegriffen. Denn zu seiner Zeit, im 13. Jahrhundert, war Thomas von Aquin der Einzige, der diese These konsequent verteidigte. Fast alle anderen scholastischen Philosophen, selbst der Lehrer des Thomas, Albertus Magnus, sowie die arabischen Philosophen waren Anhänger der Auffassung, dass es eingegossene göttliche Ideen gibt.

Dienstag, 15. November 2011

Verstand und Wille

Eine nicht geringe Verwirrung herrscht seit langer Zeit über die beiden Potenzen des menschlichen Geistes, über Verstand und Wille. Zahlreiche Probleme in verschiedenen Gebieten, wie der Rechtswissenschaft, sind dadurch entstanden und haben Folgen gezeitigt, die bis in das persönliche Leben des Menschen hinein wirken. Wäre zum Beispiel ein Rechtspositivismus möglich gewesen, wie er auch dem Nationalsozialismus und dem Kommunismus zugrunde liegt, wenn man das Verhältnis von Vernunft und Wille richtig verstanden hätte? Der Anfang dieser falschen Auffassung über das Verhältnis der beiden geistigen Potenzen liegt in der Scholastik. Doch hier findet sich auch eine klare Unterscheidung der beiden und eine wahre Bestimmung ihres Verhältnisses.

Das Wesen des Thomismus


Unter diesem Titel ist jetzt im Verlag Editiones Scholasticae ein hervorragendes Buch neu aufgelegt worden, das ich meinen Lesern und Freunden gerne empfehlen möchte. Mit diesem Titel hat der Verlag ein wirkliches Highlight des Neuthomismus wieder veröffentlicht. Der Autor, Gallus M. Manser kann durchaus als der Garrigou-Lagrange des deutschen Sprachraums bezeichnet werden. Zudem waren beiden Neuscholastiker gut miteinander befreundet. Doch was ist denn nun das Wesen des Thomismus?


Mittwoch, 5. Oktober 2011

Der Realismus der Finalität

Vor etwa zwei Wochen ist ein Buch erschienen, das ich in meinem Urlaub in der vergangenen Woche gelesen habe und das ich Ihnen, verehrter Leser, verehrte Leserin, unbedingt empfehlen möchte. Es handelt sich um die erstmalige deutsche Übersetzung eines Buches des wohl bekanntesten Neuscholastikers der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert, Reginald Garrigou-Langrange. Das Buch trägt den deutschen Titel „Der Realismus der Finalität“ und behandelt die Bedeutung der Finalität, also der Zwecke und Ziele in zahlreichen Zusammenhängen der Philosophie und Theologie. Dem Verlag Editiones Scholasticae ist zu danken, dass er die Übersetzung dieses Buches ermöglicht hat.

Montag, 19. September 2011

Jane Goodall und die unsterbliche Seele

Die bekannte Primatenforscherin Jane Goodall, die sehr viel Erfahrung im Umgang mit Schimpansen und Gorillas hat, behauptet, dass diese höheren Primaten, wie der Mensch, eine unsterbliche Seele besitzen. Die Unsterblichkeit der menschlichen Seele ist nicht nur theologischer Glaubensinhalt, sondern lässt sich philosophisch beweisen. Er beruht auf der Tatsache, dass der menschliche Geist unabhängig vom Leib Akte vollziehen kann. Mir ist nicht bekannt, dass sich derartige Akte auch bei höheren Primaten finden. Doch nur wenn sich dies zeigen lässt, wäre die Behauptung von Jane Goodall berechtigt.

Sonntag, 18. September 2011

Einwände gegen die Akt-Potenz-Theorie (APT)

Alle mir bekannten Einwände gegen die zuvor nur kurz dargestellte Akt-Potenz-Theorie beruhen auf Missverständnissen oder Voraussetzungen einer Metaphysik, die sich wesentlich von der essentialistischen Metaphysik unterscheidet. Diese Missverständnisse bestehen in der Verwechslung von Akt und Potenz mit logischer Möglichkeit und Wirklichkeit. Die andere Metaphysik, von der man die APT kritisiert, ist eine aktualistische Metaphysik bzw. Ontologie, in der es nur Wirkliches gibt.