Mittwoch, 6. Mai 2026

Neuer Grundkurs Philosophie zur Vorsehung erschienen


Vor kurzem hat der Verlag EDITIONES SCHOLASTICAE den Band 7 des Grundkurs Philosophie von Rafael Hüntelmann veröffentlicht. Der Band thematisiert die Frage nach der göttlichen Vorsehung, ein Thema, das bisher im deutschsprachigen Raum eher wenig Beachtung gefunden hat.

Ich veröffentliche hier die Zusammenfassung auf der Buchrückseite und die Einleitung mit Genehmigung des Autors

 

 

 

Bei dem vorliegenden 7. Band des Grundkurs Philosophie handelt es sich um ein besonderes Thema der natürlichen Theologie, die bereits im Band 5 behandelt wurde. Unter „natürlicher Theologie“ versteht man die rein rationale, also natürliche Behandlung theologischer Fragen, ohne direkten Bezug zur Offenbarung. In den vergangenen Jahrzehnten hat es, insbesondere im angelsächsischen Raum, ein zunehmendes Interesse an dem Problem bzw. den Fragen im Zusammenhang mit der göttlichen Vorsehung gegeben. Das Thema Vorsehung betrifft nicht nur die Theologie im engeren Sinne, sondern auch die Philosophie. Schon seit der Antike, z.B. bei den Stoikern, wurde die Vorsehung diskutiert. Durch sie sogenannte Divine Action Debate wurde und wird das Thema seit den 1980er Jahren von Naturwissenschaftlern, Theologen und Philosophen unter verschiedensten Aspekten neu diskutiert. Im vorliegenden Band des Grundkurs wird die Theorie der Vorsehung auf der Grundlage der aristotelisch-thomistischen Philosophie vorgestellt und die neuen Theorien der Vorsehung kritisch beleuchtet.

 

 

Einleitung

Im Band 5 des Grundkurs Philosophie (R. Hüntelmann 2016, 145ff.) habe ich bereits die zentralen Themen der natürlichen Theologie, insbesondere die Frage nach der Existenz Gottes, den Eigenschaften Gottes und der Tätigkeit Gottes in der Welt behandelt. Das Thema der Vorsehung Gottes wurde aber nur am Rande thematisiert.

 

Da es in den vergangenen Jahrzehnten insbesondere im angelsächsischen Raum ein zunehmendes Interesse an dem Problem bzw. den Fragen im Zusammenhang mit der göttlichen Vorsehung gegeben hat, habe ich mich entschlossen, dieses Thema in einem weiteren Band des Grundkurses aufzunehmen. Das Thema Vorsehung betrifft nicht nur die Theologie im engeren Sinne, sondern auch die Philosophie, bzw. das spezielle philosophische Fachgebiet der natürlichen Theologie, das seit Aristoteles zur Metaphysik gehört. Unter „natürlicher Theologie“ versteht man die rein rationale, also natürliche Behandlung theologischer Fragen, ohne direkten Bezug zur Offenbarung.

 

Besonders hervorzuheben ist hier ein groß angelegtes Forschungsprojekt das von 1988 bis 2003 unter der Schirmherrschaft des Vatikanischen Observatoriums und der John Templeton Foundation unter dem Titel Divine Action Project (DAP) durchgeführt wurde Jahre, also in etwa „Projekt: göttliches Handeln“. Namhafte Vertreter aus den Bereichen Theologie und Philosophie, aber auch Naturwissenschaftler, haben sich in diesem Forschungsprojekt mit Fragen der göttlichen Kausalität und dem Wirken Gottes in der Welt beschäftigt. Im Zentrum der Debatten steht dabei die Frage, wie die göttliche Vorsehung die Welt lenkt, ob die allmächtige göttliche Vorsehung Kontingenz zulässt und wenn ja, wie, und in diesem Zusammenhang auch die Frage nach der menschlichen Freiheit angesichts der göttlichen Kausalität. Unter den Begriff Kontingenz fällt alles, was nicht notwendigerweise geschieht oder unmöglich ist. Dazu gehört außer der Kontingenz im engeren Sinne auch die Frage des Indeterminismus: gibt es in der Natur nicht-determinierte Ereignisse? Dabei wird besonders Bezug genommen auf die Quantentheorie, bei der nicht-determinierte Ereignisse eine zentrale Rolle spielen. Das ursprüngliche Ziel dieses Forschungsprojekts war die Frage, wie Gott in der Natur in der Weise mit seiner Vorsehung wirken kann, dass sich die Welt und die Geschichte der Menschheit in der von Gott gewollten Richtung entwickelt, ohne dabei die geschaffene Ordnung zu stören bzw. ohne direkt in die Gesetze der Natur einzugreifen oder diese Gesetze zu brechen (I. Silva 2022, 33). So verschieden die Ansätze der beteiligten Forscher an diesem Projekt auch waren, sind sie sich darin einig, dass zur Lösung dieser Frage die Tätigkeit Gottes in der nicht-determinierten Natur zu finden ist.

 

In werde in dieser Einführungsschrift auf das Divine Action Project und dessen zentrale Positionen immer wieder zu sprechen kommen um die Position der klassischen aristotelisch-thomistischen Philosophie davon abzuheben. In dieser Schrift geht es mir primär um eine verständliche Darstellung dieser klassischen Position zur göttlichen Vorsehung, insbesondere bei Thomas von Aquin und diese Position unterscheidet sich grundlegend von den Theorien des Divine Action Project.

 

Die Frage nach der göttlichen Vorsehung ist nicht erst im Zusammenhang mit den Offenbarungsreligionen (Judentum, Christentum und Islam) aufgetaucht, sondern findet sich auch in der griechischen Philosophie, insbesondere bei Platon, Aristoteles und den Stoikern. Nach Platon ist die Ordnung des Kosmos im Ganzen gut und zweckmäßig, selbst wenn Menschen sie im Einzelnen nicht überschauen. In seiner Schrift Timaios wird der Kosmos als Werk eines guten Demiurgen beschrieben, der die ungeordnete Materie möglichst vollkommen nach den ewigen Ideen formt. Diese Welt ist beseelt und vernunftbegabt und entsteht durch göttliche Vorsehung (pronoia). Für Aristoteles ist Vorsehung ein Aspekt der Klugheit (phronesis), die das Zukünftige voraussieht und plant, um ein Ziel zu erreichen. Sie betrifft vor allem kontingente, veränderliche Sachverhalte, da Notwendiges keine Planung erfordert. Mit dem Verweis auf die Tugend der Klugheit gibt Aristoteles einen wichtigen Hinweis auch für das Verständnis der Vorsehung bei Thomas von Aquin, und ich werde darauf zurückkommen. In der Stoa ist Vorsehung eine immanente, vernünftige Weltordnung: Alles geschieht gemäß dem Logos, auch das Übel ist Teil einer größeren rationalen Ganzheit.

 

In der jüngsten Debatte, dem schon genannten Divine Action Project (DAP), geht es primär um die Frage, wo sozusagen „der Ort“ der göttlichen Vorsehung zu sehen ist, wenn die natürliche Welt vollständig von Naturgesetzen beherrscht wird. In der klassischen Newtonschen Wissenschaftsvorstellung ist kein Platz für die göttliche Kausalität, da alles im Universum durch strenge Naturgesetze beherrscht wird, die von Gott erschaffen, bzw. festgelegt wurden und die daher selbstständig ohne weiteren göttlichen Einfluss funktionieren. Gott erschafft und erhält diese Gesetze, aber ansonsten ist eine weitere göttliche Tätigkeit nicht erforderlich. Mit der Entwicklung der modernen Naturwissenschaft, insbesondere der Einstein'schen Relativitätstheorie und der Quantenmechanik hat sich dieses Weltbild grundlegend geändert. Durch die Entdeckung der „Unbestimmtheit“ durch Heisenberg und des Indeterminismus der Quanten musste man von der Vorstellung einer durchgehenden Determiniertheit aller natürlichen Prozesse Abschied nehmen. Und nun wurde für die Vertreter der DAP ein Bereich geöffnet, in dem man glaubte, die göttliche Tätigkeit einfügen zu können.

 

Ganz anders setzt die thomistische Philosophie an. Ihr geht es nicht um das Auffinden von Lücken im kausalen Weltverlauf, in den Gott eingreifen kann, sondern um eine Kausalität ganz anderer Art, die transzendental verstanden wird. Gott ist die erste Ursache (prima causa) für alle Ereignisse im Universum und nichts geschieht ohne eine göttliche Kausalität. Gott ist überall und in jeder einzelnen Entität gegenwärtig durch seine universale Kausalität und lenkt die Vorsehung durch sogenannte Zweitursachen. Diese Theorie der Vorsehung steht im Mittelpunkt dieser Schrift zur Metaphysik der Vorsehung.

 

Es geht mir dabei aber nicht um eine historisch korrekte Rekonstruktion der thomistischen Vorsehungslehre, sondern um eine systematische Darlegung der Metaphysik der Vorsehung, bei der ich die Theorie Thomas von Aquins als die beste Theorie betrachte, die der Wahrheit am ehesten entspricht.

 

Für diese Einführungsschrift in die Thematik der göttlichen Vorsehung waren mir besonders drei Studien aus der jüngeren Zeit hilfreich, die aus dem Bereich der thomistischen Philosophie sich einerseits kritisch mit dem Divine Action Project auseinandergesetzt haben und andererseits die aristotelisch-thomistische Auffassung von der göttlichen Vorsehung entwickelt haben (M.J. Dodds 2012; I. Silva 2022; S.M. Kopf 2023).

 

 

 

 

 

 

 

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