Vor kurzem hat der Verlag EDITIONES SCHOLASTICAE den Band 7 des Grundkurs Philosophie von Rafael Hüntelmann veröffentlicht. Der Band thematisiert die Frage nach der göttlichen Vorsehung, ein Thema, das bisher im deutschsprachigen Raum eher wenig Beachtung gefunden hat.
Ich veröffentliche hier die Zusammenfassung auf der
Buchrückseite und die Einleitung mit Genehmigung des Autors
Bei dem vorliegenden 7. Band des Grundkurs Philosophie
handelt es sich um ein besonderes Thema der natürlichen Theologie, die bereits
im Band 5 behandelt wurde. Unter „natürlicher Theologie“ versteht man die rein
rationale, also natürliche Behandlung theologischer Fragen, ohne direkten Bezug
zur Offenbarung. In den vergangenen Jahrzehnten hat es, insbesondere im
angelsächsischen Raum, ein zunehmendes Interesse an dem Problem bzw. den Fragen
im Zusammenhang mit der göttlichen Vorsehung gegeben. Das Thema Vorsehung
betrifft nicht nur die Theologie im engeren Sinne, sondern auch die Philosophie.
Schon seit der Antike, z.B. bei den Stoikern, wurde die Vorsehung diskutiert.
Durch sie sogenannte Divine Action Debate wurde und wird das Thema seit
den 1980er Jahren von Naturwissenschaftlern, Theologen und Philosophen unter
verschiedensten Aspekten neu diskutiert. Im vorliegenden Band des Grundkurs
wird die Theorie der Vorsehung auf der Grundlage der
aristotelisch-thomistischen Philosophie vorgestellt und die neuen Theorien der
Vorsehung kritisch beleuchtet.
Einleitung
Im Band 5 des Grundkurs Philosophie (R. Hüntelmann
2016, 145ff.) habe ich bereits die zentralen Themen der natürlichen Theologie,
insbesondere die Frage nach der Existenz Gottes, den Eigenschaften Gottes und
der Tätigkeit Gottes in der Welt behandelt. Das Thema der Vorsehung Gottes
wurde aber nur am Rande thematisiert.
Da es in den vergangenen Jahrzehnten insbesondere im angelsächsischen
Raum ein zunehmendes Interesse an dem Problem bzw. den Fragen im Zusammenhang
mit der göttlichen Vorsehung gegeben hat, habe ich mich entschlossen, dieses
Thema in einem weiteren Band des Grundkurses aufzunehmen. Das Thema
Vorsehung betrifft nicht nur die Theologie im engeren Sinne, sondern auch die
Philosophie, bzw. das spezielle philosophische Fachgebiet der natürlichen
Theologie, das seit Aristoteles zur Metaphysik gehört. Unter „natürlicher
Theologie“ versteht man die rein rationale, also natürliche Behandlung
theologischer Fragen, ohne direkten Bezug zur Offenbarung.
Besonders hervorzuheben ist hier ein groß angelegtes
Forschungsprojekt das von 1988 bis 2003 unter der Schirmherrschaft des Vatikanischen Observatoriums und
der John Templeton Foundation unter dem Titel Divine Action Project
(DAP) durchgeführt wurde Jahre, also in etwa „Projekt: göttliches Handeln“.
Namhafte Vertreter aus den Bereichen Theologie und Philosophie, aber auch
Naturwissenschaftler, haben sich in diesem Forschungsprojekt mit Fragen der
göttlichen Kausalität und dem Wirken Gottes in der Welt beschäftigt. Im Zentrum
der Debatten steht dabei die Frage, wie die göttliche Vorsehung die Welt lenkt,
ob die allmächtige göttliche Vorsehung Kontingenz zulässt und wenn ja, wie, und
in diesem Zusammenhang auch die Frage nach der menschlichen Freiheit angesichts
der göttlichen Kausalität. Unter den Begriff Kontingenz fällt alles, was nicht
notwendigerweise geschieht oder unmöglich ist. Dazu gehört außer der Kontingenz
im engeren Sinne auch die Frage des Indeterminismus: gibt es in der Natur
nicht-determinierte Ereignisse? Dabei wird besonders Bezug genommen auf die
Quantentheorie, bei der nicht-determinierte Ereignisse eine zentrale Rolle
spielen. Das ursprüngliche Ziel dieses Forschungsprojekts war die Frage, wie
Gott in der Natur in der Weise mit seiner Vorsehung wirken kann, dass sich die
Welt und die Geschichte der Menschheit in der von Gott gewollten Richtung
entwickelt, ohne dabei die geschaffene Ordnung zu stören bzw. ohne direkt in die
Gesetze der Natur einzugreifen oder diese Gesetze zu brechen (I. Silva 2022,
33). So verschieden die Ansätze der beteiligten Forscher an diesem Projekt auch
waren, sind sie sich darin einig, dass zur Lösung dieser Frage die Tätigkeit
Gottes in der nicht-determinierten Natur zu finden ist.
In werde in dieser Einführungsschrift auf das Divine
Action Project und dessen zentrale Positionen immer wieder zu sprechen
kommen um die Position der klassischen aristotelisch-thomistischen Philosophie
davon abzuheben. In dieser Schrift geht es mir primär um eine verständliche
Darstellung dieser klassischen Position zur göttlichen Vorsehung, insbesondere
bei Thomas von Aquin und diese Position unterscheidet sich grundlegend von den
Theorien des Divine Action Project.
Die Frage nach der göttlichen Vorsehung ist nicht erst im
Zusammenhang mit den Offenbarungsreligionen (Judentum, Christentum und Islam)
aufgetaucht, sondern findet sich auch in der griechischen Philosophie,
insbesondere bei Platon, Aristoteles und den Stoikern. Nach Platon ist die
Ordnung des Kosmos im Ganzen gut und zweckmäßig, selbst wenn Menschen sie im
Einzelnen nicht überschauen. In seiner Schrift Timaios wird der Kosmos
als Werk eines guten Demiurgen beschrieben, der die ungeordnete Materie
möglichst vollkommen nach den ewigen Ideen formt. Diese Welt ist beseelt und
vernunftbegabt und entsteht durch göttliche Vorsehung (pronoia). Für
Aristoteles ist Vorsehung ein Aspekt der Klugheit (phronesis), die das
Zukünftige voraussieht und plant, um ein Ziel zu erreichen. Sie betrifft vor
allem kontingente, veränderliche Sachverhalte, da Notwendiges keine Planung
erfordert. Mit dem Verweis auf die Tugend der Klugheit gibt Aristoteles einen
wichtigen Hinweis auch für das Verständnis der Vorsehung bei Thomas von Aquin,
und ich werde darauf zurückkommen. In der Stoa ist Vorsehung eine immanente,
vernünftige Weltordnung: Alles geschieht gemäß dem Logos, auch das Übel ist
Teil einer größeren rationalen Ganzheit.
In der jüngsten Debatte, dem schon genannten Divine Action
Project (DAP), geht es primär um die Frage, wo sozusagen „der Ort“ der
göttlichen Vorsehung zu sehen ist, wenn die natürliche Welt vollständig von
Naturgesetzen beherrscht wird. In der klassischen Newtonschen Wissenschaftsvorstellung
ist kein Platz für die göttliche Kausalität, da alles im Universum durch
strenge Naturgesetze beherrscht wird, die von Gott erschaffen, bzw. festgelegt
wurden und die daher selbstständig ohne weiteren göttlichen Einfluss
funktionieren. Gott erschafft und erhält diese Gesetze, aber ansonsten ist eine
weitere göttliche Tätigkeit nicht erforderlich. Mit der Entwicklung der
modernen Naturwissenschaft, insbesondere der Einstein'schen Relativitätstheorie
und der Quantenmechanik hat sich dieses Weltbild grundlegend geändert. Durch
die Entdeckung der „Unbestimmtheit“ durch Heisenberg und des Indeterminismus
der Quanten musste man von der Vorstellung einer durchgehenden Determiniertheit
aller natürlichen Prozesse Abschied nehmen. Und nun wurde für die Vertreter der
DAP ein Bereich geöffnet, in dem man glaubte, die göttliche Tätigkeit einfügen
zu können.
Ganz anders setzt die thomistische Philosophie an. Ihr geht
es nicht um das Auffinden von Lücken im kausalen Weltverlauf, in den Gott
eingreifen kann, sondern um eine Kausalität ganz anderer Art, die
transzendental verstanden wird. Gott ist die erste Ursache (prima causa)
für alle Ereignisse im Universum und nichts geschieht ohne eine göttliche
Kausalität. Gott ist überall und in jeder einzelnen Entität gegenwärtig durch
seine universale Kausalität und lenkt die Vorsehung durch sogenannte
Zweitursachen. Diese Theorie der Vorsehung steht im Mittelpunkt dieser Schrift
zur Metaphysik der Vorsehung.
Es geht mir dabei aber nicht um eine historisch korrekte
Rekonstruktion der thomistischen Vorsehungslehre, sondern um eine systematische
Darlegung der Metaphysik der Vorsehung, bei der ich die Theorie Thomas von
Aquins als die beste Theorie betrachte, die der Wahrheit am ehesten entspricht.
Für diese Einführungsschrift in die Thematik der göttlichen
Vorsehung waren mir besonders drei Studien aus der jüngeren Zeit hilfreich, die
aus dem Bereich der thomistischen Philosophie sich einerseits kritisch mit dem Divine
Action Project auseinandergesetzt haben und andererseits die
aristotelisch-thomistische Auffassung von der göttlichen Vorsehung entwickelt
haben (M.J. Dodds 2012; I. Silva 2022; S.M. Kopf 2023).

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