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Montag, 15. Juli 2019

Was macht eine Aussage wahr?


Nach der klassischen aristotelischen Wahrheitstheorie ist eine Aussage wahr, genau dann, wenn die Aussage mit der Tatsache übereinstimmt. Dabei ist vorausgesetzt, dass nur Aussagen, bzw. Propositionen wahr sind. Es gibt verschiedene andere Definitionen dieser klassischen Wahrheitstheorie, die auch als Korrespondenztheorie der Wahrheit bezeichnet wird, doch dies ist in unserem Zusammenhang von untergeordneter Bedeutung.

In der neueren Philosophie heißt es, dass eine Aussage durch einen „Wahrmacher“ (truthmaker) wahr gemacht wird. Was ist damit gemeint und wie unterscheidet sich diese Auffassung von der klassischen Wahrheitstheorie?






Die Wahrmacher-Theorie behauptet zurecht, dass dann, wenn eine Aussage wahr ist, es etwas geben muss, was diese Aussage wahr macht. Das ist zunächst nichts ungewöhnliches, sondern entspricht dem gesunden Menschenverstand. Wenn ich sage: „Der Bleistift liegt auf dem Schreibtisch“, dann ist diese Aussage genau dann wahr, wenn ein bestimmter Bleistift auf einem bestimmten Schreibtisch liegt. Wenn ich nun sage: „Helmut Schmidt war von 1974 bis 1982 deutscher Bundeskanzler“, dann muss es, nach Auffassung der Wahrmachertheorie auch etwas geben, was diese Aussage wahr macht. Nun bezieht sich diese Aussage aber auf eine vergangene Tatsache. Der Präsentismus, den ich in einem früheren Blogbeitrag kurz vorgestellt habe und der eine Grundlage der aristotelisch-thomistischen Philosophie darstellt, behauptet nun aber – so sagt der Truthmaker-Theoretiker – dass nur das Gegenwärtige existiert. Dies bedeutet aber, so weiterhin der Verteidiger der Wahrmachertheorie, dass es keinen Wahrmacher für die Aussage über Bundeskanzler Helmut Schmidt gibt, weil dieser nicht mehr existiert. Es gibt also nichts, was die Aussage „Helmut Schmidt war von 1974 bis 1982 deutscher Bundeskanzler“ wahr macht. Dies ist ein wichtiger Einwand gegen den Präsentismus, der selbst von Aristotelikern anerkannt wird, die deshalb den Präsentismus in Frage stellen.



Über dieses Thema gibt es in der Fachliteratur sehr viele Debatten, die ich hier nicht vorstellen möchte. Ich glaube auch nicht, dass dieser Einwand den Präsentismus widerlegt. Ich bin trotzdem überzeugt, dass es richtig ist, wenn man sagt, dass eine Aussage nur dann wahr ist, wenn es etwas gibt, dass sie wahr macht. Die Wahrmachertheorie behauptet, dass Tatsachen oder Sachverhalte zeitlos existieren und weil dies der Fall ist, ist die Aussage über unseren fünften Bundeskanzler wahr. Die Aussage ist nicht davon abhängig, dass Bundeskanzler Helmut Schmidt heute existiert, sondern diese Tatsache existiert unabhängig von Raum und Zeit. Bei der Zeit handelt es sich z.B. nur um bestimmte Relationen, wie z.B. der Relation „früher als“, die zwischen einem gegenwärtigen und einem vergangenen Ereignis besteht. Eine solche Relation könnte gar nicht bestehen, wenn das vergangene Ereignis nicht mehr existieren würde, denn dann gäbe es nichts, worauf sich die Relation bezieht. Philosophen die Zeit in diesem (oder in ähnlichem) Sinne denken, werden als Eternalisten bezeichnet, d.h. sie sind der Auffassung, dass alles ewig existiert.



Dagegen halten „Präsentisten“, wie die meisten Aristoteliker, weiterhin daran fest, dass nur das Gegenwärtige existiert. Doch wie begegnet man dem Einwand des Truthmaker-Theoretikers?



Die Aussage, dass der Bleistift auf dem Schreibtisch liegt ist deshalb wahr, weil es gegenwärtig zwei räumliche Gegenstände gibt – den Bleistift und den Schreibtisch – und weil eben der Bleistift gegenwärtig auf dem Schreibtisch liegt. Aber verschiedene Aussagen haben unterschiedliche „Wahrmacher“. Es gibt fiktionale Aussagen über Geschichten in Romanen oder Spielfilmen, die auf eine andere Weise wahr sind, als Aussagen über Bleistifte und Schreibtische. Es gibt auch Aussagen, die gar keine Bezug zu Raum und Zeit haben und dennoch wahr sind, um ein Beispiel Edward Fesers zu verwenden: „Sie können sich bei jemandem entschuldigen, indem Sie zu ihm sagen: ‚Es tut mir leid‘“. Eine solche wahre Aussage hat keinen Bezug zu räumlichen Gegenständen, sondern beruht auf Konvention zwischen Menschen einer bestimmten Kultur. Der „Wahrmacher“ dieser Aussage ist also eine bestimmte Konvention.



Oder betrachten Sie die Aussage 2+2=4. Zweifellos eine wahre Aussage. Doch was macht diese Aussage wahr? Auch hier gibt es keinerlei räumliche oder zeitliche Objekte, auf die sich diese Aussage bezieht, aber die Wahrheit dieser Aussage beruht auch nicht bloß auf Konventionen. Die Aussage ist wahr auf Grund bestimmter Beziehungen zwischen Begriffen, was das auch immer bedeuten mag.



Dies heißt aber kurz gesagt nichts anderes, als dass die Aussage „Helmut Schmidt war von 1974 bis 1982 deutscher Bundeskanzler“ dadurch wahr wird, dass Helmut Schmidt in dieser Zeit tatsächlich der deutsche Bundeskanzler war. Es sagt überhaupt nichts darüber, dass der Wahrmacher eine Tatsache über etwas sein muss, das gegenwärtig existiert, im Gegensatz zu einer Tatsache über etwas, das früher existiert hat.  Der Präsentist kann sagen, dass, solange es der Fall ist, dass Helmut Schmidt usw. Dinge sind, die früher existierten, obwohl sie nicht mehr existieren, wir einen "Wahrmacher" für diese Aussage haben.



Natürlich könnte der Kritiker des Präsentismus dies aus verschiedenen Gründen bestreiten.  Er könnte zum Beispiel darauf bestehen, dass vergangene Ereignisse tatsächlich ebenso existieren wie gegenwärtigen, und dass die Existenz dieser vergangenen Ereignisse ein plausiblerer Kandidat dafür ist, ein Wahrmacher für die Aussage zu sein, dass Helmut Schmidt von 1974 bis 1982 deutscher Bundeskanzler war, und dass der vom Präsentisten vorgeschlagene Kandidat dies nicht ist.  Aber wenn dies vom Truthmaker-Theoretiker so vorgebracht wird, dann setzt er schlicht das voraus, was vom Präsentisten in Frage gestellt wird. Denn natürlich würde der Präsentist bestreiten, dass vergangene Ereignisse existieren.



Alternativ könnte der Kritiker des Präsentismus vermeiden, diese Frage zu stellen, und stattdessen versuchen, eine andere Art von Antwort vorzustellen.  Er könnte sagen, dass an der Vorstellung einer Tatsache, dass etwas früher existierte, etwas faul ist.  Wie kann es jetzt eine Tatsache über etwas geben, das nicht mehr real ist?  Wenn er das aber tut, dann kann er auch sagen, dass an den Ideen von Tatsachen über fiktive Geschichten, oder menschliche Konventionen, oder über abstrakte Entitäten, oder über bloße Möglichkeiten, oder runde Quadrate, oder was auch immer, etwas faul ist.



Aber in diesem Fall ist klar, dass es nicht wirklich das „Wahrmacherprinzip" an sich ist, worum es beim genannten "Wahrmacher-Einwand" gegen den Präsentismus geht.  Vielmehr handelt es sich um eine andere Art von ontologischem Anliegen, wie z.B. die Frage über die Natur von Tatsachen.  „Truthmaking" an sich ist einfach zu vage, um eine ernsthafte metaphysische Arbeit zu leisten.


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