Montag, 19. Januar 2015

Hylemorphismus versus Atomismus

Die antiken Atomisten glaubten, dass man jede Art der Veränderung durch die Anordnung und Neugruppierung fundamentaler Teilchen erklären könne. Nach dieser Auffassung sind ein Hund, ein Baum oder Wasser auf der fundamentalen Ebene ein- und dieselbe Sache, nämlich eine Ansammlung fundamentaler Teilchen. Ihr Unterschied besteht nur darin, dass diese Teilchen unterschiedlich angeordnet sind. Ihre Unterschiede sind demnach nur akzidentell und nicht substanziell und dementsprechend sind auch die fundamentalsten Veränderungen dieser Dinge, wie der Tod des Hundes, die Verbrennung des Baumes und die Zerlegung von Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff keine substanziellen, sondern nur akzidentelle Veränderungen. Der Hylemorphist unterscheidet zwischen akzidenteller Veränderung, wie der Änderung der Farbe des Hundefells oder der Erhitzung von Wasser und substanzieller Veränderung, wie dem Tod des Hundes oder die Zerlegung des Wassers in Wasserstoff und Sauerstoff.

Mittwoch, 7. Januar 2015

Ein Streit zwischen Scholastikern

Bezüglich der Natur der substanzielle Form und der prima materia gibt es zwischen den verschiedenen scholastischen Schulen – Thomisten, Scotisten und der Schule von Suarez – einen Streit. Im Unterschied zu Thomas sind Suarez und Duns Scotus der Auffassung, dass die Urmaterie unabhängig von einer substanziellen Form existieren kann. Die Auseinandersetzung über diese Frage hält bis heute an und die Argumente für die Theorien Duns Scotus‘ und Suarez‘ finden sich in einem Werk, das der Verlag editiones scholasticae vor etwa zwei Jahren neu herausgegeben hat. Hier eine kurze Zusammenfassung der Auseinandersetzung, wie sie sich „Scholastic Metaphysics“ von Edward Feser findet.

Dienstag, 23. Dezember 2014

Materia prima und sekundäre Materie

Die scholastische Philosophie spricht von zwei verschiedenen Arten der Materie, der materia prima, manchmal auf Deutsch auch als „Urmaterie“ bezeichnet, und der sekundären Materie. Sekundäre Materie ist eine Materie mit einer substanziellen Form, also all das, was wir im alltäglichen Sprachgebrauch als Materie bezeichnen, wie Holz, Eisen, Plastik, Wasser usw. Die sekundäre Materie ist die Grundlage der akzidentellen Veränderung. Wenn jemand aus Holz eine Weihnachtsfigur schnitzt, dann ist dies in ontologischer Hinsicht eine akzidentelle Veränderung, denn der bereits aus Materie und Form zusammengesetzte Ast eines Baumes wird eine Figur. Die Urmaterie, bzw. die materia prima hat absolut keine Form.


Dienstag, 16. Dezember 2014

Institut für Thomistische Philosophie gegründet

Vor kurzem wurde das erste außeruniversitäre Institut für Thomistische Philosophie iTP in Deutschland gegründet. Schwerpunkt der Arbeit sollen regelmäßige europäische Summer Schools sein, zu denen Studierende aus ganz Europa eingeladen sind. Die Website des Instituts wurde kürzlich freigeschaltet.

Donnerstag, 11. Dezember 2014

Tarzan und die Liane

Im Ausgang von der Unterscheidung zwischen Form und Materie haben scholastische Philosophen eine weitere Unterscheidung zwischen einer substantiellen und einer akzidentellen Form eingeführt. Diese Unterscheidung ergibt sich wieder aus einem Unterscheid, die sich auch schon bei Aristoteles findet, nämlich zwischen vom Menschen gefertigten Dingen, wie einer Hängematte, die Tarzan aus Lianen geflochten hat und akzidentellen Zusammenstellungen, wie einem Haufen Steinen. Die Bestandteile aus denen Tarzans Hängematte besteht – die Lianen – und die Steine, aus denen der Haufen besteht, sind natürliche Gegenstände bzw. Substanzen.

Dienstag, 25. November 2014

No Limits?

In der Werbung gibt es nicht selten Sprüche wie „No limits“ oder „Alles ist möglich“. Dass dies leider nie der Fall ist, wissen wir natürlich. Doch warum ist alles begrenzt, und zwar nicht nur räumlich und zeitlich, sondern auch in anderen Hinsichten. Dies versucht die Theorie von Form und Materie (Hylemorphismus) zu erklären. Die Theorie ist Fundament für die gesamte Philosophie der materiellen Entitäten. Ein Baum ist ein Baum und keine Rose und es ist ein bestimmter Baum, nicht die Gattung Baum. Der Baum ist zudem sowohl räumlich, als auch zeitlich begrenzt, wenn auch die Lebensdauer eines Baumes hundert Mal so groß sein kann, wie die eines Menschen.

Mittwoch, 12. November 2014

Hylemorphismus

Der Hylemorphismus, die aristotelisch-thomistische Theorie von Form und Materie ist das Fundament der gesamten Philosophie der materiellen Welt. Der Hylemorphismus baut auf die noch allgemeinere Akt-Potenz-Theorie auf, die über den Bereich der materiellen Entitäten hinausgeht; der Hylemorphismus ist die Anwendung dieser Theorie auf den Bereich der materiellen Welt, für den Bereich der Entstehung, der Bewegung, Veränderung und des Werdens.
Jede Potenz ist immer eine Potenz für eine bestimmte Aktualität. Sie richtet sich auf etwas, das über sie selbst hinaus weist, nämlich auf ein Ziel oder einen Zweck. Die Potenzialität eines Dinges zu verstehen bedeutet, die Finalität des Dinges zu verstehen. Die Potenz eines Dinges kann nur durch etwas aktualisiert werden, das bereits aktual ist, d.h. keine Potenz aktualisiert sich selbst. Deshalb versteht man die Entstehung oder jede Veränderung eines Dinges, d.h. die Aktualisierung in verschiedenster Hinsicht, wenn man die effiziente Kausalität versteht. Finale und effiziente Ursachen sind die extrinsischen Prinzipien des Seins einer Entität. Von hier aus kann man nun den Hylemorphismus verstehen.



Montag, 27. Oktober 2014

„Kleine Ursache – große Wirkung“?

Heute setze ich meine Zusammenfassung des Buches ScholasticMetaphysics  von Edward Feser fort und zwar noch immer mit dem Thema Kausalität. Die sogenannte „Chaostheorie“ war in den 1980er Jahren sehr populär, besonders bei Menschen mit einen zwar wissenschaftlichen Weltbild, allerdings mit einer gewissen Neigung zur Esoterik. In dieser Theorie wurde das sogenannte „Schmetterlingsphänomen“ diskutiert, nach dem der beginnende Flug eines Schmetterlings in China zu gewaltigen Orkanen in den USA führen könnte. Das ist ein Beispiel für ein Ursache-Wirkungsverhältnis, bei dem eine Ursache eine Wirkung erzielt, die das, was in der Ursache „enthalten“ ist, um ein vielfacher übersteigt. Ein solches Missverhältnis zwischen Ursache und Wirkung steht in krassen Gegensatz zu einem Prinzip der Kausalität, nachdem die Wirkung verhältnismäßig zur Ursache ist (Thomas von Aquin, Summa Theologiae I-II.63.3).


Freitag, 17. Oktober 2014

Spaemann und die "Substantiation"

Das Thema meines heutigen Blogeintrags ist zwar eigentlich theologischer Natur, hat aber philosophische Implikationen, die nicht uninteressant sind. Robert Spaemann (87), einer der derzeit bekanntesten deutschen Philosophen, hat in einem Beitrag für die internationale theologische Zeitschrift „Communio“ einen Beitrag mit dem Titel „Substantiation. Zur Ontologie der eucharistischen Wandlung“ veröffentlicht, der in Theologenkreisen und darüber hinaus für Verwirrung gesorgt hat. Spaemann, der als konservativer Katholik gilt, kritisiert in diesem kurzen Beitrag den katholischen Begriff der „Transsubstantiation“, also der Wesensverwandlung in der Hl. Messe und zwar auf Grund von richtigen ontologischen Prämissen.


Dienstag, 7. Oktober 2014

Kausalität per se und Kausalität per Akzidenz





Eine für die scholastische Kausaltheorie zentrale Unterscheidung ist die zwischen Kausalität per se (causa per se) und Kausalität per Akzidenz (causa per accidens). Diese Unterscheidung zweier grundlegend verschiedener Arten von Kausalität findet sich in der Scholastik nicht nur bei Thomas von Aquin, sondern ebenso bei Duns Scotus und fast allen anderen Scholastikern und gehört insofern zum Gemeingut der scholastischen Philosophie. Sie findet sich jedoch in der neuzeitlichen und modernen Philosophie nicht mehr. Ursachen per se unterscheiden sich in dreifacher Hinsicht von akzidentellen Ursachen, wie Duns Scotus herausgestellt hat.