Stellen wir uns vor, wir treffen einen klugen Menschen der
aber nie eine Schule besucht hat und daher nicht weiß, dass Wasser H2O ist. Er
kann Ihnen alles über Wasser sagen, z.B., dass es bei normaler Zimmertemperatur
flüssig ist, dass es sich um eine klare Flüssigkeit handelt, dass Wasser bei
niedrigeren Temperaturen friert und wenn man es kocht gasförmig wird, und dass es
von allen Lebewesen zum Leben notwendig ist. Sie sagen diesem klugen Menschen
jetzt, dass Wasser die molekulare Struktur H2O hat. Doch er will davon nichts
wissen. Er bestreitet, dass es so etwas wie eine „molekulare Struktur“ gibt und
behauptet fest, dass Wasser nichts anderes ist als eine durchsichtige, klare
Flüssigkeit, die gefrieren kann und auch gasförmig werden kann. Die Frage
lautet nun: Meint der kluge Mann etwas Anderes als Wasser, wenn er nichts von
der molekularen Struktur des Wassers weiß?
Mittwoch, 5. Oktober 2016
Montag, 19. September 2016
Thomas von Aquin: Kommentar zu Aristoteles‘ Metaphysik
Inzwischen liegt die Hälfe der geplanten ersten deutschen
Übersetzung des Kommentars Thomas von Aquins zu Metaphysik des Aristoteles vor. Vor wenige Tagen sind drei weitere
Bände der Übersetzung erschienen. Die Ausgabe in kleinen, handlichen Bänden
richtet sich sowohl von der Aufmachung als auch vom Preis in erster Linie an
Studierende und philosophisch gebildete Laien. Der Kommentar stellt gewissermaßen Thomas von Aquins eigene Metaphysik
dar und ist daher eines der wichtigsten philosophischen Werke dieses
großartigen Philosophen und Theologen. Die Bände erscheinen in der Reihe
LECTIONES THOMISTICAE,
die von dem Köln-Bonner Theologen Klaus Obenauer herausgegeben wird.
Freitag, 16. September 2016
Wunder gibt es immer wieder
Die Titel der Überschrift stammt aus dem Schlager der 1970er
Jahre (soweit ich mich erinnere) von Katja Eppstein, doch was dort als „Wunder“
besungen wurde, sind keine Wunder im strengen Sinne. In der gegenwärtigen
Philosophie wird wieder häufiger über Wunder diskutiert, nachdem für sehr lange
Zeit zu diesem Thema nichts mehr zu lesen war; allenfalls machte man sich
darüber lustig. Allerdings wird auch heute in den meisten Fällen
bestritten, dass es Wunder gibt oder überhaupt geben kann. Dabei beziehen sich
erstaunlicherweise sowohl die Verteidiger als auch die Gegner auf den Begriff
des Wunders, wie er von David Hume überliefert wurde.
Mittwoch, 7. September 2016
Erste Thomistische Winterakademie
Nachdem die Erste Thomistische Sommerakademie offenbar nicht
zustande kam, lädt das Institut für Thomistische Philosophie iTP jetzt zur
Ersten Thomistischen Winterakademie ein. Warum die Sommerakademie nicht
zustande kam, ist nicht genau bekannt. Es gab wohl zu wenig Anmeldungen. Das kann
unterschiedliche Gründe haben. Das Angebot von Sommerakademien für engagierte
Studenten ist in Europa sehr groß, wenn auch nicht für Interessenten an Thomas
von Aquin. Im Winter sieht das anders aus. Das Programm der Winterakademie des iTP ist
weitgehend mit dem der Sommerakademie identisch.
Dienstag, 23. August 2016
Allwissenheit und menschliche Freiheit
„Ich habe morgen einen
Termin um 15:00 Uhr bei meinem Zahnarzt und werde dann dort sein. Aber da dies
ohnehin feststeht, brauche ich nicht dorthin zu gehen.“ Wenn Ihnen jemand
diesen Satz sagen würde, müssten Sie denken, dass bei ihm irgendetwas nicht
stimmt. Der Satz ist absurd. Doch genauso absurd ist nach Thomas von Aquin die
Behauptung, man müsse Gott nicht um irgendetwas bitten, weil in der göttlichen
Vorsehung ja ohnehin alles feststeht und ob ich nun für dies oder jenes bitte
oder nicht macht keinen Unterschied, weil es ja eben schon feststeht, ob ich
das Erbetene bekomme oder nicht. Die göttliche Allwissenheit und die darin
beinhaltete Vorsehung schließt nicht aus, dass ich frei handeln kann und das
meine Handlungen und Tätigkeiten etwas verursachen und bewirken.
Montag, 22. August 2016
Was tut Gott den ganzen Tag?
Die neuscholastische Philosophie hat einen logischen
Unterschied zwischen den Eigenschaften und Tätigkeiten Gottes eingeführt.
Dieser Unterschied ist freilich nur ein gedachter Unterschied, denn faktisch
kann es in Gott nicht etwas geben, was von ihm verschieden ist, denn dann hätte
Gott Teile. Dass Gott keine Teile hat, dass er also in vollkommener Weise
einfach ist, wurde im vorherigen Blogbeitrag herausgestellt. Aber so wie wir
bei einem Menschen seine Eigenschaften, z.B. seine Hautfarbe, seine Größe usw.
von dem unterscheiden kann, was er tut, z.B. erkennen, laufen, sitzen usw., so
kann man dies auch bei Gott unterscheiden, wobei immer im Blick behalten werden
muss, dass diese Unterscheidung von uns
gemacht wird und nicht in Gott selbst zu finden ist. Gott ist mit seinen
Eigenschaften und Tätigkeiten identisch.
Was also tut Gott?
Dienstag, 2. August 2016
Gottes Eigenschaften
Setzen wir unsere Blogbeiträge zur natürlichen Theologie
fort. Die Argumente für die Existenz Gottes führen unmittelbar zu bestimmten
Eigenschaften Gottes. Thomas von Aquin geht bei der Frage nach den Eigenschaften
Gottes so vor, dass er drei Wege zur Erkenntnis Gottes vorstellt, nämlich der
Weg der Kausalität (via causalitatis),
den Weg der Negation (via negativa)
und drittens den Weg der Steigerung (via
eminentia). Dabei bezieht er sich auf einen antiken Vorläufer, Dionysius
Areopagita, der heute zumeist als Pseudo- Dionysius Areopagita bezeichnet wird,
weil es nicht der Philosoph ist, den Paulus in Athen getroffen hat, obwohl
Thomas dies wohl noch glaubte.
Dienstag, 12. Juli 2016
Beten Christen und Moslems den gleichen Gott an?
Diese Frage taucht seit Jahrzehnten immer von neuem auf und
hat für viel Streit zwischen Christen, nicht nur zwischen Christen
unterschiedlicher Konfessionen, gesorgt, sondern auch zum Streit zwischen
Katholiken, die eher liberal und modern gesinnt sind und Katholiken, die sich
der Tradition verbunden fühlen. In Dokumenten des II. Vatikanischen Konzils
wird behauptet, dass Christen und Moslems denselben Gott anbeten. Ich möchte
zur Schlichtung dieses Streites beitragen, indem ich eine von ideologischen
Vorurteilen freie philosophische Analyse vorstellen möchten. Es geht mir, um
dies hier gleich zu Beginn deutlich zu sagen, nicht darum, interreligiöse
Treffen und Gebetsveranstaltungen zu rechtfertigen. Der Ökumenismus oder der
interreligiöse Dialog ist völlig unabhängig von der Frage, ob Christen und
Moslems denselben Gott anbeten oder nicht. Man kann entschieden gegen derartige
synkretistische Veranstaltungen sein, ohne zu behaupten, dass es sich bei
beiden Religionen um zwei verschiedene „Götter“ handelt. Man kann aber ebenso
für interreligiöse Gebetstreffen sein, selbst wenn klar ist, dass die
beteiligten Religionsvertreter nicht denselben Gott anbeten, wie dies bei
Hindus und Buddhisten zweifellos der Fall ist.
Dienstag, 28. Juni 2016
Was beweisen die Gottesbeweise überhaupt?
Ein Einwand gegen die thomistischen Gottesbeweise, der sehr
weit verbreitet ist und auch von Philosophen vorgetragen wird, die
grundsätzlich den „fünf Wegen“ zugeneigt sind, lautet, dass die fünf Wege eine „erste
Ursache“ oder einen „unbewegten Beweger“, eine „notwendige Entität“ etc.
beweisen können, nicht aber, dass diese erste Ursache etc. mit Gott identisch
ist. Wenn man die Argumente Thomas von Aquins für die Existenz Gottes ganz eng
versteht, kann man diesen Einwand akzeptieren. Aber durch die Hinzunahme einer
einzigen Prämisse ergibt sich in allen Fällen, dass diese erste Ursache oder
dieser unbewegte Beweger Gott ist. Deshalb beendet Thomas jeden der fünf Wege
auch mit dem Satz „und dies nennen alle Gott“.
Mittwoch, 8. Juni 2016
Ist ein Kieselstein eine Substanz?
Unter Aristotelikern gibt es eine Diskussion über die Frage,
ob unbelebte Entitäten wie Kieselsteine, Felsbrocken oder Sandkörner Substanzen
sind oder ob nur die Moleküle, aus denen diese Dinge bestehen, als Substanzen
betrachtet werden können. Für Aristoteles, Thomas von Aquin und ältere Scholastiker
konnte diese Frage zumindest nicht in dieser Form entstehen, da sie von der
atomaren Struktur der Dinge noch nichts wussten. Natürlich setzte sich bereits
Aristoteles mit den antiken Atomisten auseinander, allerdings war deren
Atombegriff ein philosophischer Begriff und nicht ein physikalischer Begriff.
Zudem behaupteten die antiken Atomisten, dass alles was existiert,
ausschließlich aus Atomen zusammengesetzt ist und dass diese Atome sich durch
Zufall zu bestimmten komplexen Entitäten ordnen, wie Steinen, Pflanzen, Tieren
und Menschen. Diese Auffassung steht auch bei vielen materialistischen
Philosophien der Gegenwart im Hintergrund, wenn freilich auch erheblich
komplexer ausgearbeitet durch die Verbindung des Atomismus mit der
Naturwissenschaft. Die Frage der Aristoteliker nach der Substanzialität der
unbelebten Materie hat einen anderen Hintergrund.
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